Lettland und die rote Lehmgrube


Eine rote Lehmgrube während meines Besuchs im fernen Lettland 🧡 Eigentlich habe ich persönlich rot immer mit den Erden auf dem afrikanischen Kontinent verknüpft. Verrückt, wie wenig wir wissen, was genau sich unter der Erdoberfläche verbirgt, die wir bewohnen. Eine Ton- oder Lehmgrube erzählt uns die Geschichte von tausenden oder gar Millionen Jahren.

Außerdem ist es sehr spannend zu sehen, welcher Aufmerksamkeit sich das Bauen mit Lehmbaustoffen bereits bei unseren EU Nachbarn erfreut. Die Produktion eines dortigen Ziegelherstellers wird sich künftig auch auf den Lehmstein ausrichten, eine ungebrannte Version seines “großen Bruders”. Übrigens als erste ihres Landes.

Energiesparen und zirkuläres Bauen sind hier die Devise. Und ich bin schwer begeistert.

Die Bauwende nimmt eindeutig Fahrt auf! Oder was meinst du?

Herzlichst, Sandra

Der Lehmstein

…und sein stiller Siegeszug

Er versteckt sich in den Wänden hinter Putz und Verkleidungen, hat wenig Kontakt zur Außenwelt und ist doch eine so entscheidende Waffe im Lehmbau – der Lehmstein.

Durch die vielen Möglichkeiten einen Lehmstein einzusetzen, etwa als Ausfachung im Holzständerwerk, als gemauerte raumbegrenzende Wand, als Vorsatzschale oder auch als Deckenfüllung, bringt er Masse ins Gebäude. Diese Masse wollen und brauchen wir oft in Bezug auf Schalldämmung im Leichtbau, oder als Feuchtepuffer und Wärmespeicherung für ein wohliges und gesundes Raumklima.

Doch seinen entscheidenden Vorteil spielt er hier noch gar nicht aus…

Don’t call it “Ziegel”

Es ist ein Lehmstein und nicht ein Lehmziegel! Was übergenau und pingelig erscheinen mag ist unterm Strich ein ziemlich entscheidender Unterschied. Denn Ziegel sind unter hohem Energieeinsatz gebrannte Baustoffe, die durch den Brennprozess witterungsbeständig gemacht werden.

Bei der Herstellung von Lehmsteinen hingegen entfällt der Brennprozess komplett, sie trocknen einfach an der Luft aus. Je nach Hersteller wird auch eine maschinelle Trocknung eingesetzt, um den Prozess zu beschleunigen. Der Energieeinsatz kann, verglichen zum Brennofen, um ein vielfaches geringer sein. Außerdem kann er durch den Einsatz erneuerbarer Energien auch noch viel nachhaltiger sein.

Für die Ökobilanzierung kann ein Lehmstein also rundum punkten. Dennoch sollte man wissen ihn zu handeln, denn wie jeder Lehmbaustoff muss er unbedingt vor Wasser geschützt werden. Hier mal die wichtigsten Facts rund um den Lehmstein:

Bezeichnung

Ein Lehmstein ist gemäß DIN 18945 definiert. Jeder Hersteller, der sich mit seinem Produkt auf die DIN bezieht ist verpflichtet eine vollständige Deklaration anzugeben. Diese könnte beispielhaft so aussehen:

Lehmstein - nicht tragend - DIN 18945 - LS f - Ia - 1,2 - S

Übersetzt bedeutet das:
Lehmstein, nicht tragend, nach DIN 18945
LS f = Lehmstein faserarmiert
Ia = Anwendungsklasse Ia
1,2 = Rohdichteklasse 1,2
S = Sonderformat

Einige dieser Bezeichnungen sind dir vielleicht glasklar, andere dafür gar nicht bekannt. Deshalb kommt jetzt ein deep dive:

Rohdichte

Wir unterscheiden generell in:

  • schwere Lehmsteine
    Dazu gehören alle Lehmsteine, welche eine Rohdichte von 1300 kg/m³ und darüber haben. Diese verwendet man häufig dann, wenn viel Masse in ein Gebäude eingebracht, oder wenn eine Wand lasttragend ausgeführt werden soll.
  • und Leichtlehmsteine
    Hierzu gehören alle Lehmsteine mit einer Rohdichte von 1200 kg/m³ und darunter. Sie sind meist mit organischen oder mineralischen Zuschlagsstoffen versehen und bringen dadurch eine Dämmwirkung mit sich. Diese Dämmeigenschaften helfen in der U-Wert-Berechnung des Wandaufbaus, bringen aber lange nicht die notwendige Dämmung nach GEG oder gar besser. Sie werden gerne in der Sanierung alter Fachwerke eingesetzt, oder als Vorsatzschalen in Innenräumen.
Leichtlehmstein mit Zuschlagstoffen (faserarmiert)
Rohdichte 1200 kg/m³

Die Rohdichte wird in kg/m³ bemessen. Um es in der Bezeichnung etwas zu erleichtern kann man auch die Rohdichteklasse angeben. Hier verschiebt sich einfach die Kommastelle, damit hat es sich dann auch schon. Ein Stein mit einer Rohdichte von 1200 kg/m³ wird also der Rohdichteklasse 1,2 zugeordnet.

Anwendungsklasse

Um festlegen zu können, dass ein Stein den Anforderungen am Bauteil auch wirklich gerecht wird, kann und sollte man bei der Planung eine Anwendungsklasse definieren. Diese Anwendungsklassen sind festgelegt und definieren die Beständigkeit des Steines. Weniger beständige Lehmsteine dürfen beispielsweise nie in Außenwänden eingesetzt werden, da sie den Anwendungsklassen II und III zugeordnet sind. Diese Steine sind etwas günstiger und beispielsweise ganz hervorragend für den Einsatz als Masseeintrag in Einschubdecken geeignet.

Neben der Planung und Ausschreibung ist dies natürlich auch für Hand- und Heimwerker während der Umsetzung unbedingt zu beachten!

Wir unterscheiden hierbei in 4 verschiedene Anwendungsklassen für Lehmsteine:

  • Anwendungsklasse Ia
  • Anwendungsklasse Ib
  • Anwendungsklasse II
  • Anwendungsklasse III

Format

Einen Lehmstein bekommt man in den gängigen Mauerwerksformaten. Von NF, DF, 2DF, 3DF, bis hin zu Sonderformaten wird Verschiedenes angeboten.

Selbstverständlich gilt bei Lehmsteinen auch, wie bei fast allen anderen Produkten aus Lehm, dass man sie selbst herstellen kann. Wer eine Lehmsteinpresse hat, oder sie in eine Form schlagen möchte, kann dies natürlich auch tun. Dafür ist allerdings Baustoffwissen und bestenfalls auch etwas Erfahrung gefragt.

SIDEFACT:

Durch die geringere Eigenfeuchte des Lehms sorgt dieser in direktem Kontakt mit Holz für eine feuchteausgleichende und somit trockenhaltende Wirkung. 

Darum ist es wichtig beim Vermauern mit einem Lehmmauermörtel zu arbeiten.

Der Lehm "entzieht" dem Holz überschüssiges Wasser und gibt es langsam an die Raumluft ab. 

Ein überaus dankenswerter Effekt, denn so übernimmt der Lehm ganz natürlich einen konstruktiven Holzschutz.  
Ausmauern eines Gefaches während
des FKL-Kurses in Glücksburg

Mörtel

Zum Vermauern eines Lehmsteines eignet sich am besten ein Lehmmauermörtel, der in der Rohdichte in etwa gleich, aber nie höher ist, als der des Steines selbst!

Leichtlehmstein in eingebautem Zustand

➪ Die DIN-Norm zum lasttragenden Bauen mit Lehmsteinen ist bald da!

Wusstest du schon, dass die neue Anwendungsnorm DIN 18940 für lasttragendes Lehmsteinmauerwerk bereits als Entwurf veröffentlicht ist? Vielleicht schon im nächsten Frühjahr also werden wir ohne Umwege lasttragende Lehmwände aus Lehmsteinen realisieren können.

Adé, Zulassungen im Einzelfall. Die nachhaltige Bauwende kann kommen!

Bitte beachte…

Ich konnte in diesem Beitrag nur einige Beispiele zeigen und nicht auf alle Möglichkeiten im Lehmsteinbau eingehen. Natürlich gibt es noch viel mehr Varianten Lehmsteine einzusetzen und noch viel mehr Dinge dabei zu beachten. Wenn du dich für ein Gebäude aus Lehmsteinen entscheidest, dann lasse dich unbedingt vorab von einer Fachperson dazu beraten!

Herzlichst, Sandra

Zu heiss? Dann bau’ doch mit Lehm…!

Schwitzen, schwitzen, schwitzen heißt es in den letzten Tagen. Teilweise ist es fast unmöglich nach der Mittagspause noch konzentriert zu bleiben. Geht es dir auch so? Ich würde da am liebsten nur ins nächste kühle Nass springen!

Ich stelle es mir in solchen Hitzephasen immer furchtbar vor, wenn ich höre, wie Menschen von ihren Dachwohnungen berichten. Dort wo die Sonne den ganzen Tag lang das schlecht gedämmmte Dach zum Glühen bringt und den Innenraum in eine Art Backofen verwandelt.

Wer will das schon? Wer will nachts nicht schlafen können, weil der Körper sich einfach nicht erholen kann, da er ständig damit beschäftigt ist sich runter zu kühlen?

Überhitzung ist eine wirklich schlechte Voraussetzung, um gut und gesund durch den Sommer zu kommen. Und gleichzeitig ein Zeugnis dafür, dass Großteile unseres Gebäudebestandes nicht für solch hohe Temperaturen ausgelegt ist…

Kurz zur Info: Schlecht gedämmten Dächern und Wänden fehlt der sogenannte “sommerliche Wärmeschutz”. Dieser ist entweder gar nicht oder in viel zu geringem Ausmaß vorhanden, um den nötigen Hitzeschutzeeffekt zu gewährleisten – vor allem in Altbauten. Und ja, damit meine ich nicht nur die wirklich alten Fachwerkbauten und Stadtvillen aus der Zeit um die Jahrhundertwende, die meist sämtliche Vorkehrungen in Bezug auf Dämmmaßnahmen vermissen lassen. Das Problem zieht sich teilweise bis in die jüngsten Gebäudebestände. Dazu habe ich zwar keine eindeutigen statistischen Zahlen, aber höre zu, wenn Menschen von ihren Wohnbedingungen berichten. Nicht nur hier in Deutschland, auch anderswo auf der Welt.

Es ist ganz klar: wir müssen künftig eine Umgebung schaffen, die es uns möglich macht diese krassen Temperaturspitzen zu überbrücken, ohne dafür Rohstoffe und Energie zu verschwenden. Also ideale Wohlfühlbedingungen schaffen, ohne Klimaanlagen und Ventilatoren!

Heutzutage wissen wir Planer:innen das besser und können mit dem richtigen Wandaufbau und entsprechenden Dämmungen gegen Überhitzung bis zu einem gewissen Grad vorbeugen.

Aber dämmen ist nicht alles. Auch die Masse macht’s!

Wer schon mal in einer marokkanischen Kasbah war, weiß worüber ich schreibe. Trotz sengender Hitze draußen ist es innerhalb dieser traditionellen Behausungen angenehm kühl und überaus gut auszuhalten. Es muss auch nicht gleich eine Kasbah sein – schon eine Lehmhütte in der kenianischen Savanne, wo es auch wirklich heiß werden kann, macht den Unterschied zu einem Beton- oder Ziegelbau sehr deutlich.

Die Kasbahs sind in der Regel Teil einer ganzen Siedlung aus Lehmbauten, hier Ouarzazate, Marokko. Foto von Moussa Idrissi
Ich wäre bei den Temperaturen viel lieber in der Hütte als im Steinhaus, und du?

Der hier zugrunde liegende bauphysikalische Effekt ist natürlich auch in unseren Breitengraden derselbe: Sehr vereinfacht gesagt speichert der Lehm die Hitze, welche durch die Sonne abgegeben wird, in der Wand. Durch die träge Weiterleitung von Wärme im Lehm (Phasenverschiebung) bleibt der größte Anteil der Hitze an der Außenseite der Wanddicke und wird nachts bei den kühlen Temperaturen wieder an die Außenluft abgegeben, bevor sie nach innen dringen kann. Und der Innenraum bleibt so angenehm kühl, ganz ohne Ventilatoren oder Klimaanlagen.

Stell dir das einmal vor – für dein Zuhause, oder im Büro…

Im Winter lässt sich dieser Effekt natürlich umkehren. Wenn wir innen heizen lädt die Lehmwand sich mit der Wärme auf und gibt sie nach und nach an den Innenraum wieder ab. Denselben Effekt kennen wir vom Lehmofen. So wird in einem Haus mit entsprechend viel Lehm in der Wandkonstruktion viel der Heizenergie eingespart, die in Häusern mit schlecht konstruierten Außenwänden einfach durch das Bauteil verloren geht. 

Natürlich ist auch eine massive Lehmwand in unseren Breitengraden nicht ganz ohne Dämmung umsetzbar, dafür sind die Temperaturschwankungen zu stark. Oder die Lehmwand müsste entsprechend dick gebaut werden, was aus wirtschaftlichen Gründen oft nicht umsetzbar ist. Mit einer Kern- oder Aussendämmung kann man massive Lehmwände aber problemlos realisieren, ob aus Stampflehm oder aus Lehmsteinen.

„Lehmwand“ bedeutet im übrigen nicht, dass es eine massive Konstruktion sein muss. Es kann auch eine hybride Konstruktion aus Lehm, Holz und einer geeigneten Dämmung aus Pflanzenfasern sein. Dazu aber mehr in einer Winterausgabe. Jetzt erstmal ein Eis holen und den Sommer genießen! ☀️

Hast du dich schon einmal in einem Lehmbau abgekühlt? Schreib es gerne in die Kommentare!

Psst, übrigens... umso mehr Lehm wir in unseren Häusern verwenden, desto weniger CO2-Emissionen stoßen wir aus. Stichwort: Bauwende. Stichwort: Klimaschutz. 

Also doppelt gewonnen, gesund und auch noch umweltfreundlich gebaut

Herzlichst, Sandra

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